Das Bayes’sche Modell der prädiktiven Kodierung
Das Bayes’sche Modell geht auf den britischen Mathematiker Thomas Bayes (1701-
1761) zurück und die Anwendung auf Autismus auf einen einflussreichen Artikel von
Pellicano & Burr (2012). Vereinfacht gesagt versteht das Modell Wahrnehmung als
aktiven Prozess, bei dem Informationen aus Vorhersagen und Sinnesrezeptoren
miteinander integriert werden. Jeder Mensch bildet demnach internale
Vorhersagemodelle, aufgrund vergangener Erfahrungen. So wissen wir in etwa, was in
der Schule passieren wird: man sitzt in der Schulbank, hört dem Lehrer zu und spricht
nur, wenn dieser einen dazu einlädt. Gleichzeitig erhalten wir Informationen aus
unseren Sinneskanälen - sogenannte Bottom-Up-Informationen, anhand deren wir
unsere Vorhersagen innert kürzester Zeit an veränderte Bedingungen anpassen
können. Das System ist darauf ausgelegt, möglichst schnell und energiesparend
Orientierung zu erhalten, wie wir uns in einer gegebenen Situation verhalten sollen. In
sozialen Interaktionen ermöglicht es eine Feinabstimmung des eigenen Verhaltens auf
das Gegenüber - was als Basis für Regulation gilt.
Das Bayes’sche Modell für Autismus
Die Autoren Pellicano und Burr (2012) postulieren, dass sich die autistische
Verarbeitung durch zwei Besonderheiten auszeichnet:
1.
eine hochpräzise, detailorientierte Reizwahrnehmung mit Tendenz zur
Reizüberflutung und
2.
unzuverlässige, rigide Vorhersagemodelle
Die autistische Eigenart der Reizverarbeitung hat grosse Auswirkungen auf das
Verständnis, wie die Welt und soziale Situationen funktionieren. Sie führt zu vermehrten
Vorhersagefehlern, also Situationen, in denen die Realität nicht den Erwartungen
entspricht. Solche unangenehmen Überraschungsmomente fördern Unsicherheit und
Stress: weil Betroffene annehmen, sie hätten ein wichtiges Detail übersehen,
verstärken sie die Detailgenauigkeit der Wahrnehmung - oft auf Kosten der
Kontextwahrnehmung. Dies kann den Effekt haben, dass nun komplett irrelevante
Details grosse Bedeutung erhalten und zu einer Revision eines etablierten inneren
Vorhersagemodells führen. Letzten Endes besitzen Menschen mit Autismus
überspezifische Vorhersagemodelle, die jedoch in der Realität unzuverlässige
Vorhersagen liefern.
Die Folgen sind weitreichend:
•
Schwierigkeiten, sich in sozialen Situationen zu orientieren
•
Viel Stress und Unsicherheit, mit Folgen für Verarbeitungs- und Filterkapazität
•
Enorm hohe kognitive Verarbeitungsleistung, da die internen Vorhersagemodelle
ständig Fehler produzieren und angepasst werden müssen
•
Reizüberflutung aufgrund der eingeschränkten Filter- und
Aufmerksamkeitsprozessen
•
Hochsensitive und detailorientierte Exterozeption (Außenwahrnehmung) auf
Kosten von Defiziten bei der Interozeption (Innenwahrnehmung)
•
Integrationsprobleme: Schwierigkeiten, neue Informationen mit Vorwissen zu
nützlichen Vorhersagemodellen zu integrieren und auf neue Situationen zu
übertragen (Generalisierungen)
•
Doppelter Vertrauensverlust in Vorhersagen und Bottom-Informationen verstärkt
das Gefühl der Orientierungslosigkeit
•
Rückkopplungsmechanismen verstärken Problematik
Das Bayes’sche Modell versteht Autismus im Kern als eine Informations-Integrations-
störung. Die Stärke des Modells liegt darin, dass es autistisches Denken, soziale
Schwierigkeiten sowie etablierte Konzepte wie Defizite der zentralen Kohärenz, der
Theory of Mind und der Exekutivfunktionen allesamt erklären kann.
Für weitere Vertiefung kann ich Peter Vermeulens Buch “Autismus und das prädiktive
Gehirn - Absolutes Denken in einer relativen Welt” wärmstens empfehlen.
psychotherapeutische Praxis
Dr. Phil. Philippe Stöckli
© Philippe Stöckli
Zürich, Schweiz
psycho-therapeut.ch
AUTISMUS, TRAUMA UND BINDUNG
Neue Wege zu Regulation und Verbindung Dr. phil. Philippe Stöckli
Elizabeth Pellicano und David Burr
Schematische
Darstellung
des
Bayes’sches
Modell
der prädiktiven Kodierung