Eine kleine Entstehungsgeschichte…
Ich möchte hier kurz beschreiben, wie es dazu gekommen ist, dieses Buch zu
schreiben. Für mich war es ein sehr organischer Prozess, bei dem meine Interessen,
mein Fachwissen und meine Erfahrungen mit Patienten und mit mir selbst alle
zusammenkamen. Irgendwann war es klar - ich muss das jetzt machen!
Über die Jahre habe ich mich intensiv mit den folgenden Themenbereichen
auseinandergesetzt:
1. Autismus
Auf das Thema Autismus bin ich durch Zufall gestossen, als ich eine Stelle als
Psychotherapeut für Google Mitarbeiter inne hatte. Schnell wurde mir bewusst, dass
sich die Anliegen und Schwierigkeiten dieser Personengruppe grundsätzlich von
meinen bisherigen Patient*innen unterschied. Zudem bemerkte ich, dass mir gewisse
typisch autistische Eigenheiten entgegenkamen: ich mochte und mag die ehrliche
Direktheit, Zuverlässigkeit, Genauigkeit, Sensitivität, den Sinn für Systematik und Logik
und die hohe Intelligenz, die viele autistische Menschen besitzen. Da kaum
Weiterbildungen verfügbar waren, vertiefte ich mich selbständig in das Thema, las eine
Menge Fachliteratur und fragte meine Patient*innen aus, wie sie die Welt erleben.
2. Trauma und Traumatherapie
Trauma ist für mich das zentrale Thema jeder Psychotherapie. Natürlich sind nicht alle
Menschen traumatisiert. Doch Stress- und Traumamechanismen fliessen ineinander
über, und können nur künstlich voneinander getrennt werden. Wir alle sind geprägt von
vergangenen Belastungssituationen und Bindungsbeziehungen und haben
Anpassungsstrategien entwickelt, um besser (über-)leben zu können. Mein
Wissensdurst und meine Neugier haben mich im Lauf der Jahre zu zahlreichen
Traumatherapie-Ausbildungen getrieben, darunter EMDR, NET, NARM, Ego-State-
Therapie, Therapie der strukturellen Dissoziation und schliesslich Somatic
Experiencing.
3. Somatic Experiencing
Dieser körperbasierte Traumatherapie-Ansatz von Peter Levine hat mir persönlich eine
neue Welt eröffnet, nicht nur als Therapeut, sondern auch privat. Er hat mir als
Kopfmensch geholfen, mehr in den Körper zu kommen und die Hypothesen der
Polyvagaltheorie am eigenen Leibe zu erleben. Die Haltung, dass alles, was wir suchen,
bereits in uns ist, bildet für mich einen Leitfaden im Leben. Wenn wir lernen, die Signale
des Körpers wahrzunehmen und als Ausrichtung für unser Verhalten zu benutzen, wird
unser Leben auf wundersame Weise bedeutender und erfüllter.
4. Körper
Meine Reise führte mich je länger je mehr zurück zum Körper. In einer persönlichen
Krise halfen mir körpertherapeutische Methoden wie Somatic Experiencing und Shiatsu
am meisten. In der Folge beschäftigte ich mich intensiv mit verschiedenen
Körpertherapiemethoden, sowohl als Selbsterfahrung und als Fortbildung. Durch die
Ebene der Berührung eröffneten sich mir tiefere, frühkindliche Schichten, bis hin zu
Geburtsprozessen. Zu erleben, wie sich die emotionale Intensität auf organische Weise
in eine ungeahnte Kohärenz und innere Ruhe transformierte, hat mich und meine
Beziehung zu meinem Körper zutiefst geprägt. Zudem bestätigten diese Erfahrungen
für mich, dass die natürlichste Form der Regulation (von Kleinkindern) nonverbal über
Körperkontakt und Einstimmung durch eine freundliche Begleitperson stattfindet.
5. Bindung und frühkindliche Entwicklung
Durch die Auseinandersetzung mit Entwicklungs-psychologie und Psychoanalyse, der
Weiterbildung NARM und das eigene Vater-Sein konnte ich mein Interesse für die
frühkindliche Entwicklung nähren. Was mich daran bis heute fasziniert, ist die
unglaubliche Offenheit, Beeindruckbarkeit und Sensitivität, mit der Kleinkinder die Welt
erleben. Die Frage, wie Bindungstrauma am effektivsten “geheilt” wird, treibt mich bis
heute um.
6. Humanistische Grundhaltung
Aufgrund meiner psychotherapeutischen Grundausbildung in Gestalttherapie ist die
humanistische Grundhaltung tief in mir verankert: Wenn wir anderen Menschen mit
Respekt und auf Augenhöhe begegnen und uns persönlich einlassen, kann ein
menschlicher Kontakt entstehen - mit viel Potenzial für Veränderung und Entfaltung.
Wiederum geht es um die Grundwerte kleinkindlicher Existenz: Gesehen und
respektiert werden, Resonanz bekommen und eine geteilte Welt erleben - so sind wir
lebendig und verbunden.
7. Freude an Intuition und Kreativität
Als ehemaliger Berufsmusiker und Jazz-saxophonist habe ich gelernt, was es heisst
über bestehende Akkordstrukturen zu improvisieren: Kontrolle loslassen und der
Intuition und dem jahrelang Eingeübten vertrauen. Ähnlich wie bei der Zen-Tradition
des “Beginners Mind” funktioniert Improvisation am besten in einem Zustand des
kindlich naiven Spiels. Dieses Vertrauen in den Körper und die Intuition hat mich seit
Langem geleitet.
8. Freude, komplexe Zusammenhänge zu strukturieren und zu systematisieren
Zu guter Letzt möchte ich noch meine Freude an logischer Struktur und Systematik
erwähnen. Komplexe Sachverhalte aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und
durchzudenken ist meiner Ansicht nach die beste Methode, ein umfassendes und
flexibles Verständnis eines Themas zu erarbeiten.
psychotherapeutische Praxis
Dr. Phil. Philippe Stöckli
© Philippe Stöckli
Zürich, Schweiz
psycho-therapeut.ch
AUTISMUS, TRAUMA UND BINDUNG
Neue Wege zu Regulation und Verbindung Dr. phil. Philippe Stöckli