Das Vier-Komponenten-Modell des Autismus
Das Vier-Komponenten-Modell gliedert Autismussymptome nach grundlegenden Pathomechanismen in die Bereiche (I) Informationsintegration, (II) Regulation, (III) Verbindung nach innen und außen und (IV) Kompensations- und Kontrollmechanismen.  Die Herleitung des Modells stützt sich auf das Bayes’sche Autismusmodell, Erkenntnisse aus der Forschung und eigene Überlegungen. Die Abbildung zeigt die vier Komponenten, wobei sich die prozentuale Zusammensetzung je nach Person unterscheidet. I) Die genetische Komponente [beeinträchtigte Integration] Die genetische Komponente ist die einzige, die autismusspezifisch ist. Sie umfasst Prozesse der Informationsintegration und Reizverarbeitung, wie vom Bayes’schen Modell beschrieben. Sie stellt den Kern der Autismussymptomatik dar und belegt den ersten Platz in der Symptomhierarchie. Es kann insofern von einer Störung gesprochen werden, da die Integration der einströmenden Informationen oft nicht zufriedenstellend funktioniert. Vielmehr kommt es häufig zu Systemüberlastungen, bei denen Prozesse der Filterung, Aufnahme, Verarbeitung, Vernetzung und Integration von Reizen und Informationen behindert werden. Da Informationsintegration von zentraler Bedeutung für menschliches Verhalten ist, sind die Auswirkungen bei einer Störung dementsprechend schwerwiegend: Kognitive, soziale, emotionale und regulative Aspekte können betroffen sein. Die genetische Komponente erklärt unter anderem folgende autistische Symptome: Autistische Reizwahrnehmung und -verarbeitung Autistisches Denken Soziale Kommunikation und Intuition Auffälligkeiten im Bereich Emotionen & Empathie Energetische Blockaden & autonome Dysregulation II) Die Stress- & Traumakomponente [beeinträchtigte Regulation] Symptome der Stress- und Traumakomponente sind Folgen der Systemüberlastung, die aus den Integrationsstörungen hervorgeht. Wenn wir die Symptome der genetischen Komponente als Primärsymptome bezeichnen, entsprechen jene der Stress- & Traumakomponente Sekundärsymptomen. Die autonomen Stressreaktionen, die vom Organismus aktiviert werden, beeinflussen alle anderen Komponenten – also Integrationsprozesse, Verbindung zur eigenen Person und zu Mitmenschen sowie Kompensationsmechanismen. Eine Art, Stress- und Traumasymptome zu beschreiben, ist über das autonome Nervensystem. Wir können drei Gruppen unterscheiden: 1. Überaktivierung des Sympathikus (Hyperarousal) 2. Überaktivierung des parasympathischen Immobilisierungssystems (Hypoarousal) [nicht zu verwechseln mit dem parasympathischen Beruhigungssystem] 3. Eine chronifizierte Form, bei der sowohl Sympathikus als auch Parasympathikus überaktiviert sind, mit abwechselnder Dominanz. Diese Formen der autonomen Dysregulation sind für eine Vielzahl an Symptomen verantwortlich, die jedoch im Grunde autismus-unspezifisch sind. III) Die Bindungskomponente [beeinträchtigte Verbindung innen / außen] Symptome der Bindungskomponente sind bewusste oder unbewusste Schutz- und Isolationsmechanismen, ganz im Sinne des Traumakriteriums der Vermeidung. Anstatt diese der Stress- und Traumakomponente zuzordnen, habe ich entschieden, sie als eigene Gruppe zu behandeln. Sie sind jedoch Folgen der Dysregulation und können somit als Tertiärsymptome bezeichnet werden. Da autistische Menschen die Welt oft als intensiv, unsicher und überwältigend wahrnehmen, haben viele Betroffene eine Tendenz, den Kontakt zu Körperlichkeit und Emotionalität zu vermeiden, sei es mit sich selbst oder mit anderen Menschen. In der Folge entsteht ein Zustand der isolierten Unverbundenheit, Unzugehörigkeit und Orientierungslosigkeit. Man könnte sagen, wir haben es gleichzeitig mit einer Über-Verbundenheit und einer Unter-Verbundenheit zu tun. Diese manifestiert sich auch auf der Zellebene, wie neurobioloigsche Befunde zu Hyper- und Hypo-Konnektivität bei Autismus bestätigen konnten (u.a. Im, 2016). IV) Die Kompensationskomponente Die Kompensationskomponente unterscheidet sich von den anderen Komponenten darin, dass sie keinen Pathomechanismus per se darstellt, sondern Kompensationsversuche. Die zugehörigen Autismussymptome können nach ihrer Funktion in drei Gruppen gegliedert werden: 1. Versuche, Orientierung und Sicherheit herzustellen Analysieren anstatt Fühlen, Routinen, rigide Regeln, Zwänge, Vorausplanen, etc. 2. Versuche der Selbstberuhigung Selbststimulation (Stimming), rhythmische Bewegungen (Rocking), Spezialinteressen, Routinen, repetitive Verhaltensweisen, Zwänge, etc. 3. Versuche, Reizüberflutung zu vermindern Kontrollmechanismen, strikte, vorhersehbare Abläufe, Tics oder repetitive Verhaltensweisen, Zwänge, Vorausplanen, Vermeidung von sozialen Kontakten sowie Selbstkontakt, Reizreduktion durch Gebrauch von rauschunterdrückenden Kopfhörern, Sonnenbrillen, etc. Implikationen des Vier-Komponenten-Modells Eine effiziente Behandlung setzt idealerweise bei den zugrundeliegenden Pathomechanismen an. Leider werden heute in Medizin und Psychologie viele Symptombehandlungen durchgeführt, anstelle von Ursachenbehandlungen. Das Vier- Komponenten-Modell des Autismus versucht hier Abhilfe zu schaffen, indem es eine Symptomhierarchie postuliert, mit Primär-, Sekundär- und Tertiärsymptomen. Jede Symptomebene, respektive Komponente, profitiert von einem anderen Behandlungsansatz. Beispielsweise ist bei einer angeborenen Symptomatik eher ein akzeptanzorientierter Ansatz hilfreich, während Stress - & Traumasymptome  einen traumaorientierten Ansatz verlangen. Das Vier-Komponenten-Modell leistet somit einen Beitrag zur Konzeptualisierung von Autismus und zur adäquaten Wahl therapeutischer Interventionen.
psychotherapeutische Praxis Dr. Phil. Philippe Stöckli

© Philippe Stöckli

Zürich, Schweiz

psycho-therapeut.ch

AUTISMUS, TRAUMA UND BINDUNG

Neue Wege zu Regulation und Verbindung                                                                                                                                Dr. phil. Philippe Stöckli

© Philippe Stöckli

Zürich, Schweiz

psycho-therapeut.ch

Das Vier-Komponenten-Modell von Autismus
Das Vier-Komponenten-Modell gliedert Autismussymptome nach grundlegenden Pathomechanismen in die Bereiche (I) Informationsintegration, (II) Regulation, (III) Verbindung nach innen und außen und (IV) Kompensations- und Kontrollmechanismen. Die Herleitung des Modells stützt sich auf das Bayes’sche Autismusmodell, Erkenntnisse aus der Forschung und eigene Überlegungen. Die Abbildung zeigt die vier Komponenten, wobei sich die prozentuale Zusammensetzung je nach Person unterscheidet. I) Die genetische Komponente [beeinträchtigte Integration] Die genetische Komponente ist die einzige, die autismusspezifisch ist. Sie umfasst Prozesse der Informationsintegration und Reizverarbeitung, wie vom Bayes’schen Modell beschrieben. Sie stellt den Kern der Autismussymptomatik dar und belegt den ersten Platz in der Symptomhierarchie. Es kann insofern von einer Störung gesprochen werden, da die Integration der einströmenden Informationen oft nicht zufriedenstellend funktioniert. Vielmehr kommt es häufig zu Systemüberlastungen, bei denen Prozesse der Filterung, Aufnahme, Verarbeitung, Vernetzung und Integration von Reizen und Informationen behindert werden. Da Informationsintegration von zentraler Bedeutung für menschliches Verhalten ist, sind die Auswirkungen bei einer Störung dementsprechend schwerwiegend: Kognitive, soziale, emotionale und regulative Aspekte können betroffen sein. Die genetische Komponente erklärt unter anderem folgende autistische Symptome: Autistische Reizwahrnehmung & -verarbeitung Autistisches Denken Soziale Kommunikation und Intuition Auffälligkeiten bei Emotionen & Empathie Energetische Blockaden & autonome Dysregulation II) Die Stress- & Trauma-Komponente [beeinträchtigte Regulation] Symptome der Stress- und Traumakomponente sind Folgen der Systemüberlastung, die aus den Integrationsstörungen hervorgeht. Wenn wir die Symptome der genetischen Komponente als Primärsymptome bezeichnen, entsprechen jene der Stress- & Traumakomponente Sekundär- symptomen. Die autonomen Stressreaktionen, die vom Organismus aktiviert werden, beeinflussen alle anderen Komponenten – also Integrationsprozesse, Verbindung zur eigenen Person und zu Mitmenschen sowie Kompensationsmechanismen. Eine Art, Stress- und Traumasymptome zu beschreiben, ist über das autonome Nervensystem. Wir können drei Gruppen unterscheiden: 1. Überaktivierung des Sympathikus (Hyperarousal) 2. Überaktivierung des parasympathischen Immobilisierungssystems (Hypoarousal) [nicht zu verwechseln mit dem parasympathischen Beruhigungssystem] 3. Eine chronifizierte Form, bei der sowohl Sympathikus als auch Parasympathikus überaktiviert sind, mit abwechselnder Dominanz. Diese Formen der autonomen Dysregulation sind für eine Vielzahl an Symptomen verantwortlich, die jedoch im Grunde autismus-unspezifisch sind. III) Die Bindungskomponente [beeinträchtigte Verbindung innen / außen] Symptome der Bindungskomponente sind bewusste oder unbewusste Schutz- und Isolationsmechanismen, ganz im Sinne des Traumakriteriums der Vermeidung. Anstatt diese der Stress- und Traumakomponente zuzordnen, habe ich entschieden, sie als eigene Gruppe zu behandeln. Sie sind jedoch Folgen der Dysregulation und können somit als Tertiärsymptome bezeichnet werden. Da autistische Menschen die Welt oft als intensiv, unsicher und überwältigend wahrnehmen, haben viele Betroffene eine Tendenz, den Kontakt zu Körperlichkeit und Emotionalität zu vermeiden, sei es mit sich selbst oder mit anderen Menschen. In der Folge entsteht ein Zustand der isolierten Unverbundenheit, Unzugehörigkeit und Orientierungslosigkeit. Man könnte sagen, wir haben es gleichzeitig mit einer Über-Verbundenheit und einer Unter-Verbundenheit zu tun. Diese manifestiert sich auch auf der Zellebene, wie neurobioloigsche Befunde zu Hyper- und Hypo-Konnektivität bei Autismus bestätigen konnten (u.a. Im, 2016). IV) Die Kompensationskomponente Die Kompensationskomponente unterscheidet sich von den anderen Komponenten darin, dass sie keinen Pathomechanismus per se darstellt, sondern Kompensationsversuche. Die zugehörigen Autismussymptome können nach ihrer Funktion in drei Gruppen gegliedert werden: 1. Versuche, Orientierung und Sicherheit herzustellen Analysieren anstatt Fühlen, Routinen, rigide Regeln, Zwänge, Vorausplanen, etc. 2. Versuche der Selbstberuhigung Selbststimulation (Stimming), rhythmische Bewegungen (Rocking), Spezialinteressen, Routinen, repetitive Verhaltensweisen, Zwänge, etc. 3. Versuche, Reizüberflutung zu vermindern Kontrollmechanismen, strikte, vorhersehbare Abläufe, Tics oder repetitive Verhaltensweisen, Zwänge, Vorausplanen, Vermeidung von sozialen Kontakten sowie Selbstkontakt, Reizreduktion durch Gebrauch von rauschunterdrückenden Kopfhörern, Sonnenbrillen, etc. Implikationen des Vier-Komponenten-Modells Eine effiziente Behandlung setzt idealerweise bei den zugrundeliegenden Pathomechanismen an. Leider werden heute in Medizin und Psychologie viele Symptombehandlungen durchgeführt, anstelle von Ursachenbehandlungen. Das Vier- Komponenten-Modell des Autismus versucht hier Abhilfe zu schaffen, indem es eine Symptomhierarchie postuliert, mit Primär-, Sekundär- und Tertiärsymptomen. Jede Symptomebene, respektive Komponente, profitiert von einem anderen Behandlungsansatz. Beispielsweise ist bei einer angeborenen Symptomatik eher ein akzeptanzorientierter Ansatz hilfreich, während Stress - & Traumasymptome  einen traumaorientierten Ansatz verlangen. Das Vier-Komponenten-Modell leistet somit einen Beitrag zur Konzeptualisierung von Autismus und zur adäquaten Wahl therapeutischer Interventionen.

AUTISMUS, TRAUMA UND BINDUNG

Neue Wege zu Regulation und Verbindung

 Dr. phil. Philippe Stöckli